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Manifest der Avantgarde

Manifest der Avantgarde       Text von Tankred Stachelhaus

Stolz über beide Ohren war man in Essen, nach langem Gezerre mit der preußischen Regierung eine Königliche Baugewerkschule errichten zu dürfen. Stadtplaner Robert Schmidt setzte das Gebäude als geistigen Mittelpunkt an den höchsten Punktes eines neuen Viertels, in welchem „bei jedem Schulgang den Schülern die moderne künstlerische Entwicklung des Hausbaus lebensgroß vor Augen geführt wird, um sie abzubringen von der überlieferten Überladung der Häuser mit unverstandenen Stilformen“. Ein ganzes Viertel als Lehrstück für gutes Bauen: Im Jahr 2010 feierte das Moltkeviertel seinen 100. Geburtstag.

Während in der Gartenstadt Margarethenhöhe die „Dichtung in Stein und Grün“ vorgetragen wurde, geriet das nahezu zeitgleich gebaute Moltkeviertel zum „Manifest der Avantgarde“. Die progressivsten Architekten des beginnenden 20. Jahrhunderts bauten im und rund um das Moltkeviertel, darunter Wilhelm Kreis, Otto Bartning, Erich Mendelsohn, Oskar Schwer sowie die neu nach Essen gezogenen Professoren Georg Metzendorf, Alfred Fischer und Edmund Körner. Als Reformarchitekten lehnten sie die damals weit verbreitete Protzarchitektur ab, mit denen sich Bauherren wie Architekten gegenseitig überbieten wollten. Im Moltkeviertel fand man zurück zum guten Geschmack, bekannte sich zur Funktion des Baus, zu klaren architektonischen Aussagen und überlegte, mit welchen Details man das Leben der Bewohner erleichtern kann. Konsequent wurden in dem Viertel der Mensch und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt gestellt. Man dachte nicht mehr nur an die repräsentative „gute Stube“, sondern ganzheitlich an alle Lebensbereiche in der kompletten Wohnung, im ganzen Haus. Viele Häuser haben einen so breiten Eingangsflur, dass ein Kinderwagen Platz findet.

Von „Kinderwagenreichweite“ sprach auch Stadtplaner Robert Schmidt, der fußläufig Spielflächen einplante, ein absolutes Novum dieser Zeit. Der spätere Gründungsdirektor des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirks (des heutigen Regionalverbandes Ruhrgebiet) plante das Viertel bis ins kleinste Detail. Es ging darum, angenehme Straßenzüge zu schaffen, in denen sich der Mensch nicht verliert, sondern Orientierung fand. Fast alle Straßen, die mehrheitlich nach berühmten Architekten wie Gottfried Semper, Josef Maria Olbrich und Karl Friedrich Schinkel benannt wurden, haben einen an der Topografie angelehnten Schwung, so dass der Blick in der Nähe haften bleibt. Die Straßen werden so zu beschützenden Plätzen. Ein Meisterstück ist Schmidt mit der recht langen Moltkestraße gelungen. Ausgehend von der Moltkebrücke verbreitert sich leicht die Straße im Zuge ihres Verlaufs, so dass sich die Perspektive verzerrt: Das Weite erscheint näher.

Eine Besonderheit sind auch die Grünflächen. Schon die Vorgärten an der Semperstraße und am nördlichen Moltkeplatz waren in ihrer Bepflanzung vorgegeben. Sie blieben im Besitz der Stadt, die sich auch um die Pflege kümmern wollte. Der Camillo-Sitte Platz im Osten war der Schaugarten mit einer Pflanzenpracht, bei denen den Spaziergängern, die der als Schaustraße geplanten Ruhrallee nach oben hin flanierten, die Augen übergingen. Auf dem Moltkeplatz wiederum spielte die sportliche Ertüchtigung eine große Rolle; es muss für die damalige Zeit eine Provokation gewesen sein, dass hier auf Tennis- und Turnplätzen Leuten vor den großbürgerlichen Villen ins Schwitzen kamen. Zuletzt kam die dreigliedrige Wiebeanlage hinzu, der allererste Binnenpark Deutschlands. Die Grünflächen gehören zum Netz von Grünzonen, mit denen die Innenstadt gezielt durchlüftet wurde.

Robert Schmidt konnte die Bauherren davon überzeugen, die Qualität und Aktualität der Architektur über drei Bauphasen aufrecht zu erhalten. Metzendorf, Körner und weitere Reformarchitekten prägten mit ihren markanten Gebäuden die erste Bauphase bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Die Bauten sind gekennzeichnet durch eine abgewandelte Interpretation des höchst geometrischen Wiener Jugendstils. Einflüsse des Bauhauses hinterlassen in den zwanziger Jahren ihre Spuren. Ziegelexpressionistische Bauten kamen am Camillo-Sitte-Platz oder in der Olbrichstraße hinzu. Mit den dreissiger Jahren hielten die Bauten der „Neuen Sachlichkeit“ Einzug ins Moltkeviertel. Zierrat verschwand nun vollends, die Kombination von Raumkörpern stand im Vordergrund.

Wer heute durch das Moltkeviertel geht, dem muss die Besonderheit des Viertels nicht unbedingt ins Auge springen. Das mag daran liegen, dass viele hier entwickelte architektonische und stadtplanerische Lösungen in vielen Städten aufgegriffen wurden. Das für anspruchsvolle Führungskräfte aus Industrie und Verwaltung geplante Viertel gehört immer noch zu den bevorzugten und schönsten Wohnquartieren der Stadt.

Bekannt ist das Moltkeviertel vor allem bei der Stadtverwaltung als „traditionell selbstbewusstes Viertel“. Die Bewohner selbst verhinderten so manchen Abriss von bedeutenden Häusern, ein Engagement, das in der Übernahme der Patenschaft über die Kunstwerke durch den Verein „Kunst am Moltkeplatz“ fortgeführt wurde und in der Gründung des „Bürgervereins Moltkeviertel“ gipfelte.


Ein Dossier von Tankred Stachelhaus mit mehr Informationen über das Moltkeviertel finden Sie hier.


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